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18 Mai 2020

"Wir müssen die Standortfrage stellen."

Rechenzentren als Rückgrat in der Krise: nur dank der digitalen Infrastruktur ist es möglich, vom Homeoffice aus zu arbeiten, Wissen zu vermitteln, kurz, die Gesellschaft vernetzt zu halten. Der Wert hoher Rechenleistung ist gerade in Coronazeiten unschätzbar. Doch Corona könnte das Hauptproblem der Branche um ein Vielfaches verschärfen.

Schon vor Corona stieg der Stromverbrauch der Rechenzentren rasant – und damit der Ausstoss von CO2. Der Internetverband Bitkom etwa schätzte erst kürzlich, dass die digitale Infrastruktur weltweit für rund 200 -250 Megatonnen Co2 in der Atmosphäre verantwortlich ist.

Nun verbrauchen die Rechenzentren wegen Corona noch mehr Strom, auch in Deutschland. Gerade im Bundesland Hessen fallen Homeoffice und gesteigerter Medienkonsum durchaus ins Gewicht.

Zurückhaltung bei "grünen" Investitionen befürchtet

Werden Rechenzentren bis 2030 tatsächlich klimaneutral sein? Fazit der Bitkom-Studie: Wenn Rechenzentren klimaneutral werden wollen, müssen sie zum einen effizienter werden - zum anderen muss der Strom tatsächlich Co2 neutral sein.

Beides ist in Deutschland nicht unproblematisch.

Energieeffizienz bedingt Investitionen, diese rechnen sich aber oft erst auf lange Sicht.  Schon jetzt wächst die Befürchtung, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie das Klima tendenziell noch mehr schädigen werden. 

Agora-Direktor Patrick Graichen zum Beispiel sagte kürzlich zur FAZ, aufgrund von Corona „dürfte es nun zu Zurückhaltung bei klimaschutzrelevanten Investitionen kommen, etwa im Bereich der erneuerbaren Energien, bei der Gebäudesanierung oder in der Industrie.“

Gilt dies auch für Rechenzentren?

Hessen macht vorwärts mit Energieeffizienz

Es gibt Anhaltspunkte dass die profitable und wachsende Branche ihre Verantwortung in Sachen Klimaschutz weiterhin wahrnehmen wird. Im RZ-Standort Hessen etwa unterstützt die Landesregierung gleich vier Projekte zur Abwärmenutzung (dpa) und treibt die Energieeffizienz seiner eigenen RZ voran.

Doch es gibt kritische Stimmen: „Ich begrüsse, dass Deutschland in Sachen Energieeffizienz vorwärts macht.“ sagt Staffan Reveman, Unternehmensberater und Kommentator der europäischen Energiepolitk. "Das ist auch dringend nötig."

Reveman: "Zum Beispiel haben wir immer noch ungefähr 100 000 alte und schlechte USV-Systeme mit geringem Wirkungsgrad auf dem deutschen Markt, die in diesem Jahr etwa 1 TWh unnötige Stromverluste verursachen. 1 TWh entspricht 400 000 t CO2 und 150 Mio. EUR Stromkosten. Wahrscheinlich hat der Kühlteil ähnliche Probleme, zu viele Geräte mit geringem Wirkungsgrad, die von Einkaufsmanagern der alten Schule bezogen wurden."

Kühlung hat noch viel Einsparungspotenzial

Auch Mark Pullen, Managing Director Europe bei Cyrus One sieht gerade bei Kühlung enormes Einsparungspotenzial. So spricht er im Magazin IT-Daily davon, dass adiabatische Kühlung Cyrus One erlaubte "in den letzten zwölf Monaten einen durchschnittlichen PUE-Wert von circa 1,15 erzielen". 

Der PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) beschreibt, wie viel der Gesamtenergie für die reine Computerleistung aufgewendet wird und wie viel für Equipment und Overheads, wie eben z.B. die Kühlung. 

Jedoch ist der PUE-Wert nicht frei von Nachteilen:

Die ökologisch sinnvolle und auch wirtschaftlich interessante Abwärmenutzung zum Beispiel beeinflusst den PUE-Wert nicht, was für Nachhaltigkeitsexperten ein wesentlicher Kritikpunkt ist. 

Dazu kommt, dass der PUE-Wert die Umgebungstemperatur eines RZ-nicht abbildet : Ein RZ in kalter Umgebungstemperatur verbraucht naturgemäss tendenziell weniger Energie zur Kühlung - hat also potenziell einen "besseren" PUE Wert. 

Doch reicht Effizienz allein?

Staffan Reveman dazu: „Auch das energieeffizenteste Rechenzentrum wird weiter Strom verbrauchen. Und der Strommix wird in Deutschland bis 2038 weiterhin einen hohen Anteil an Kohlekraft haben und noch länger Gas.“

Latenzabhängigkeit vs. Kosten

Gleichzeitig würden 40% des rund um die Uhr verfügbaren Stroms abgeschaltet, so der Publizist. Für Reveman gibt es nur eine Schlussfolgerung: „In Deutschland werden wir keine echten klimaneutralen Rechenzentren im Land haben. Punkt.“

Sind denn die Grünstromzertifikate zumindest ein Anfang? Reveman winkt ab. „Ich halte dies für Greenwashing. Rechenzentren nutzen immer den Strom aus den Kraftwerken in der Nähe und nicht aus dem Ausland. Die Energie bleibt dort, wo sie produziert wurde.“

Für Reveman ist klar: „Wir müssen die jetzt umso dringender die Standortfrage stellen. Für weniger latenzabhängige IKT-Anwendungen müssen wir fossilfreie Standorte innerhalb der EU untersuchen.“ Schweden und Norwegen etwa? „Vergessen Sie nicht: Der Kostenunterschied für 1 MW Leistung zwischen Deutschland und Schweden beträgt ca. 1 Million Euro / Jahr“, sagt Reveman.

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